Die Letzten - Rainer Maria Rilke.pdf

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The Project Gutenberg EBook of Die Letzten, by Rainer Maria Rilke
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Title: Die Letzten
Author: Rainer Maria Rilke
Release Date: February 6, 2010 [EBook #31199]
Release Date: February 6, 2010 [EBook #31199]
Language: German
Character set encoding: ISO
Character set encoding: ISO-8859-1
*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LETZTEN ***
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Produced by Jana Srna, Carlos Valiente, mcbax and the
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DIE LETZTEN
DIE LETZTEN
• • RAINER MARIA RILKE
• •
IM GESPRÄCH DER LIEBENDE
DIE LETZTEN
DER LIEBENDE
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BERLIN • AXEL JUNCKER • 1902
DEM PRINZEN UND DER PRINZESSIN
VON SCHÖNAICH-CAROLATH
ZU HASELDORF
IM GESPRÄCH
Man kann gut denken, dass Bilder im Saale sind: tiefe, träumerische in ruhigen Rahmen. Ein
Giorgione vielleicht oder so ein purpurdunkles Porträt von einem nach Tizian, etwa dem Paris
Bordone. Dann weiss man, dass Blumen da sind. Grosse erstaunte Blumen, die den ganzen
Tag in tiefen, kühlen Bronzeschalen liegen und Düfte singen: müssige Blumen.
Und müssige Menschen. Zwei, drei oder fünf. Immer wieder streckt sich das Licht aus dem
Riesenkamin und beginnt sie zu zählen. Aber es irrt sich immer wieder.
Ganz vorn an der Feuerstelle lehnt die Prinzessin in Weiss; neben dem grossen Samowar, der
allen Glanz fangen möchte. Sie ist wie eine wilde Farbenskizze, so hingestrichen im Sturm
eines Einfalls oder einer Laune. Mit Schatten und Licht gemalt aus irgend einer genialen
Ungeduld heraus. Nur die Lippen sind feiner ausgeführt. Als ob alles andere nur um dieses
Mundes willen da wäre. Als ob man ein Buch gemacht hätte, um auf eine von hundert Seiten
die stille Elegie dieses Lächelns zu schreiben.
Der Herr aus Wien neben ihr neigt sich ein wenig vor in dem breiten Gobelinstuhl:
„Durchlaucht“ – sagt er und irgend etwas hinterdrein, was ihm selber wertlos scheint. Aber
die weichen Worte, die nichts bedeuten, gehen über alle hin, wie eine Wärme, und Jemand
sagt dankbar: „Deutsch sprechen ist fast wie Schweigen.“
Und dann hat man wieder eine Weile Zeit zu denken, dass Bilder da sind, und welche. Bis
Graf Saint-Quentin, der am Kamin steht, fragt: „Haben Sie die Madonna gesehen, Helena
Pawlowna?“
Die Prinzessin senkt die Stirne.
„Sie werden sie nicht kaufen?“
„Es ist ein gutes Bild“ – sagt der Herr aus Wien und vertieft sich in seine feinen, frauenhaften
Hände.
Und ein deutscher Maler, der irgendwo im Dunkel sitzt, fügt hastig an:
„Ja, man könnte es um sich haben. Ich meine in der Wohnstube oder so.“ Und nachdem seine
Worte ganz verklungen sind, neigt sich Helena Pawlowna vor: „Nein“ – sagt sie und dann
traurig: „Man müsste ihm einen Altar bauen.“
Ihre Worte tasten tief in den Saal hinein, wie Suchende. Pause. Da macht die Prinzessin eine
kleine bange Bewegung und will ihnen finden helfen.
„Kasimir, soll ich die Madonna kaufen?“
Weither kommt eine volle slavische Stimme, um sich zu wundern.
„Sie fragen MICH ?“
Pause.
Und Helena Pawlowna bittet um Verzeihung: „Sind Sie nicht Künstler?“
Antwort: „Manchmal, Helena Pawlowna, manchmal –“
Wenn die silberne Uhr jetzt nicht geschlagen hätte, würde der deutsche Maler geantwortet
haben: „Aber“ – doch die silberne Uhr rief auf einmal eine ganze Menge, und da gab er es
auf. Besonders, da Graf Saint-Quentin sagte: „Uebrigens sind Sie den ersten Winter in
Venedig, Helena Pawlowna?“
„Ja. Aber ich kann mir nicht denken, dass es jemals anders war.“
„Es ist seltsam. Diese alten Paläste sind so rührend in ihrem Anvertrauen. Sie haben viele
Erinnerungen. Und da ist Einem manchmal, als ob man alle mit ihnen teilte. Nicht?“ So sagt
der Herr aus Wien und schliesst die Augen dabei.
Er sieht also nicht, dass Helena Pawlowna lächelt, während sie ergänzt: „Sie haben Recht.
EINES besonders: dass man nicht HIER Kind war, kann man gar nicht begreifen. Denken Sie: oft
auf der Gasse oder in Gärten geschah mir, ich müsste jemandem winken und ihm erzählen:
Hier hab' ich immer gespielt als Kind. Oder: hier in diese Kirche bin ich beten gegangen, zu
diesem Bild – lauter, lauter Lügen.“
Da kommt die Stimme Kasimirs traurig näher:
„Und doch haben Sie nie jemanden gerufen, Helena?“
„Oh, wer hätte mir denn geglaubt, Kasimir.“
Pause.
Und leise überlegt Graf Saint-Quentin: „ DARF man nicht lügen in solchen Fällen?“
„Aus Sehnsucht einfach –“ bestärkt der Herr aus Wien.
„Aus Schönheit –“ fühlt Graf Saint-Quentin.
„Es schadet ja Keinem,“ meint der deutsche Maler und steht plötzlich auf.
Da beginnt Kasimir: „Es ist ja ohnehin falsch, was man so hinter sich hat. Glauben Sie, Graf,
Sie sind in der Vendée Knabe gewesen und wild und ungestüm? Meinen Sie, Herr, das war
Wien, was um Ihr erstes Erwachen herum war? Und Sie, Herr, dass dieses flache Land, von
dem Sie oft erzählen, wirklich Hintergrund aller Märchen war, wissen Sie das? Dieses
Schloss, bitte, und diese Stadt und Ihre Haide da, waren das nicht vielmehr die Grenzen jenes
Landes, in welchem Sie tief und innig lebten? Bitte, hörte Ihr Besitz nicht dort auf, wo das
Andere begann? Ging Ihre Sonne nicht unter immer, wenn Sie das wirkliche Licht
empfanden? Starben die stillen Gestalten in Ihnen nicht an jedem Wort, das Ihr Vater zum
Beispiel zu Ihnen sagte? Und Dinge. Wurden die Dinge nicht wertlos im Augenblick, da Sie
erkannten, dass sie nicht Ihnen allein gehörten, sondern so herumstehen, dass ein Jeder sie
anfassen und benutzen kann nach Laune? Ueberlegen Sie das, bitte. Ob man nicht alles echte
Gold, welches man hat, langsam in Scheine umwechselt. Wie? Und endlich hat man lauter
Anweisungen statt der Werte. Und wenn heute oder morgen der grosse Krach kommt, dann ist
man Bettler – ist das nicht so?“
Pause.
Und dann Helena Pawlowna: „Mir ist, als ob Sie nicht alles Gold umgewechselt hätten,
Kasimir.“
„Vielleicht, Helena Pawlowna, es kann sein, dass ich das gethan habe. Aber dieses Gold gilt
nicht im Leben, müssen Sie wissen. Es ist ausser Kurs. Man muss Scheine haben und recht
viele“ –
Das macht den deutschen Maler ungeduldig: „Ja, ja –“ sagt er, „da hört man's ja wieder. Ihr
seid Pessimisten, Ihr Slaven, unheilbare Pessimisten. Wir haben das überwunden: wir lieben
das Leben, und unsere Kunst kommt mitten heraus.“
Er macht ein paar Schritte zum Fenster hin und fügt von dort etwas leiser hinzu: „Ich glaube
doch, die Herren müssen mir recht geben. Sie, Herr Graf; denn die Franzosen haben uns ja
gerade manches gelehrt, was das Leben betrifft. Wie? Na und Ihr in Wien ...“
„Ja, ja,“ antwortet der Herr mit den feinen Händen langsam, „es ist wahr, wir in Wien, wir
thun gerne so, als ob wir alles hätten – Leben – und Kunst und –“
Und Graf Saint-Quentin nippt von seinem Thee und ist so mit der feinen Tasse beschäftigt,
dass er nicht zum Antworten kommt. Wie er sie hinstellt, singt sie eine Weile vor sich hin.
Aber der deutsche Maler ärgert sich. Er fühlt sich so im Stiche gelassen und hat die Idee,
seine Sache retten zu müssen um jeden Preis. Er beginnt also:
„Darum habt Ihr ja auch eigentlich keine Kunst, Ihr Polen und so weiter. Na, was Litteratur
betrifft und so Zeug, kann sein. Man soll aus Weltschmerz ja schöne Gedichte machen
können und dann sentimentale Musik, hm, Chopin, Tschaikowski, freilich. Aber davon
versteh' ich nichts. Was Malerei anlangt, ich meine, moderne –“
„Oh, sehen Sie den Wereschtschagin –“
Der Maler wehrt ab.
„Oder Porträt: da haben wir jetzt in Wien den Pochwalski“ – der Wiener wird ganz eifrig in
dem Bestreben, die schroffe Behauptung des Anderen zu dämpfen. Er möchte immer noch
eine Liebenswürdigkeit darüber breiten, und seine Hände zittern davon.
Aber da sagt Kasimir schon:
„Der Herr hat ganz recht. Wir haben keine Kunst.“
„Vergessen Sie Ihren „Pan Tadeuz“ nicht,“ mahnt Graf Saint-Quentin.
„Gerade an ihn denke ich. Und an die grossen Russen. Und an Tetmajer und diese feinen
jungen Poeten, die das Kranksein so schön machen. Sie sehen, ich denke an Viele. Und dabei
kommt heraus, dass wir KÜNSTE haben, keine Kunst. Viele Sehnsüchte und keine Erfüllung.
Vielleicht ist das bei den Deutschen anders, ich weiss nicht. Aber dann müssen die Deutschen
sehr glücklich sein –“
Die Prinzessin hat sich vom Kamin abgewendet. Ihre Augen rufen in das Dunkel hinein.
Und der deutsche Maler fühlt: jetzt geht wieder so ein Gespräch los, das zu nichts führt. Es ist
eine grässliche Art, dieses Geistreichsein. Und dabei sind alle die Dinge so klar, so lange man
nicht in ihnen herumrührt.
Und er schweigt, um die Sache nicht weiter auszudehnen.
Wenn nur der Herr aus Wien nicht gefragt hätte: „Wie meinen Sie das?“ Dann wäre es ja
wohl zu Ende gewesen. Aber natürlich fragt er. „Wie meinen Sie das?“
Nicht gleich antwortet Kasimir, und die Prinzessin Helena Pawlowna hat Zeit, ihre Hände zu
falten.
Dann kommen wieder lauter weiche Worte aus dem Dunkel. Dann und wann vernimmt man
einen Schritt, als ob der Pole irgend ein besonders ängstliches Wort ein Stück begleiten wollte
in den Saal hinein. So ungefähr:
„Wir haben ja früher davon gesprochen, bitte. Kunst ist Kindheit nämlich. Kunst heisst, nicht
wissen, dass die Welt schon IST und eine machen. Nicht zerstören, was man vorfindet, sondern
einfach nichts Fertiges finden. Lauter Möglichkeiten. Lauter Wünsche. Und plötzlich
Erfüllung sein, Sommer sein, Sonne haben. Ohne dass man darüber spricht, unwillkürlich.
Niemals vollenden. Niemals den siebenten Tag haben. Niemals sehen, dass alles gut ist.
Unzufriedenheit ist Jugend. Gott war zu alt am Anfang, glaub' ich. Sonst hätt' er nicht
aufgehört am Abend des sechsten Tages. Und nicht am tausendsten Tag. Heute noch nicht.
Das ist aller Grund, den ich gegen ihn habe. Dass er sich ausgeben konnte. Dass er fand, dass
sein Buch zu Ende sei mit dem Menschen, und nun die Feder fortgelegt hat und wartet, wie
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