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Bruno Reble
Familienchronik
Illustrierte
Alltagsgeschichte
unserer
Vorfahren
aus Baden,
Schlesien und
Schleswig-Holstein
von 1700 bis heute
Bücke dich nie vor einem lebenden Menschen !
2. Auflage Düsseldorf 2013
1
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Editorial
Woher kommen wir, wohin gehen wir?
Wer Antworten sucht, muss sich mit der Geschichte auseinandersetzen.
Was liegt nher, als mit unseren Vorfahren anzufangen. Mit etwas Glck gelangen
wir bis ins 17. Jahrhundert, dem Beginn der schriftlichen Aufzeichnungen in den
Kirchenregistern - wenn nicht Krieg oder andere Umstnde die Unterlagen
vernichtet haben.
Was wir erfahren sind zunchst einmal Jahreszahlen: geboren, getauft,
verheiratet, gestorben, beerdigt. Geschichte wird daraus erst dann, wenn
es gelingt - wie bei einem Puzzle - die weiteren Lebensumstnde zu
rekonstruieren und so die jeweilige Zeit lebendig werden zu lassen.
Dabei sollen unsere Vorfahren in keinster Weise glorifiziert werden,
um daraus einen verworrenen Ahnenkult aufzubauen.
In Deutschland sind wir sehr sensibel in diesem Punkt, wegen des
frchterlichen Missbrauchs durch die Nazis, die mit solchen
Theorien ihre verbrecherische Rassenpolitik gerechtfertigt haben.
Vielmehr geht es darum, unsere Vorfahren so darzustellen,
wie sie waren: in der Mehrzahl zupackende und rechtschaffene
Leute, die ihren Lebensunterhalt in Wrde erarbeiten wollten,
ohne dafr zu betteln oder jemandem die F¦e zu kssen.
Manchmal ist dieses Ziel nur durch Emigration zu erreichen,
eine Erkenntnis, die nicht immer bequem ist, insbesondere.in
Zeiten zunehmender Auslnderfeindlichkeit.
Doch Bequemlichkeit war noch nie ein guter Ratgeber und die
Menschheit wrde heute noch in Fellen umherlaufen, wenn wir
uns mit allen Herausforderungen stets auf die einfachste Art
abgefunden htten.
Dabei taucht unweigerlich auch die Frage auf: Welchen Sinn
macht eigentlich die ganze Familienforscherei? Wre es nicht
besser, sich mehr um die Lebenden, als um die Toten zu kmmern?
Richtig, denn jeder Mensch ist etwas sehr kostbares, ein
Individuum mit einzigartigen, unverwechselbaren Zgen.
Doch eins ist sicher: Mit dem Tod ist unsere physische
Existenz beendet.
Und dennoch leben wir weiter. Aber nicht in Form von
Seelen, die irgendwo herumgeistern, sondern in den
Aufzeichnungen und Erzhlungen, die von uns existieren.
Endgltig tot sind wir erst dann, wenn unsere Identitt
vernichtet, alle Spuren verwischt und nichts mehr an
unsere Existenz erinnert.
Mge uns allen dieses Schicksal erspart bleiben.
Bruno Reble
2
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Bert Brecht:
Inhalt
Fragen
eines lesenden
Arbeiters
Wer baute das siebentorige Theben ?
In den Büchern stehen die Namen von Königen ?
Haben die Könige die Felsbrocken herbei geschleppt ?
Und das mehrfach zerstörte Babylon -
Wer baute es so viele Male auf ? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute ?
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische
Mauer fertig war
Die Maurer ? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie ? Über
wen Triumphierten die Cäsaren ? Hatte das
vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner ?
Selbst in dem sagenhaften Atlantis
Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.
Kapitel 1: Wie alles angefangen hat
1717: Adam Reble geboren in
Eutingen / Baden bei Pforzheim
4
1759: Der dänische König beginnt über
seine Frankfurter Vertretung mit der
Anwerbung von Kolonisten
6
1763: Adam Reble und andere Familien
verlassen ihre Heimat, um sich im
Norden eine neue Existenz aufzubauen 7
Kapitel 2: In der neuen Heimat
1764: Die Kolonisten bekommen in
Schleswig-Holstein ein Stück Heide-
land zugewiesen mit der Auflage, es
zu kultivieren
9
Neuanfang in Neuberend
18
Friedrichsanbau, die 5.Kolonie
29
Kapitel 3: Die weitere Entwicklung
Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein ?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich ?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand ?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg.
Wer
Siegte außer ihm ?
1844: Aus Kolonisten werden Bauern 32
1909: Einige wandern aus nach Amerika 33
1930: Ende der Landwirtschaft
im Zuge der Weltwirtschaftskrise
33
Kapitel 4: Wie gewonnen, so zerronnen
Geschichte der Familien Rönsch-Baumann
1900: Schlesisches Himmelreich
34
1923: "Mein schönes Geld !"
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus ?
................... 35
1945: Tagebuch Auf der Flucht
37
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen ?
Kapitel 5: Wiederaufbau aus Ruinen
1946: Neubeginn in Kiel
45
So viele Berichte.
So viele Fragen
1958: Jetzt kommt
das Wirtschaftswunder
46
1968: Es rettet uns kein höheres Wesen
46
1983: Familienzuwachs
47
2009: Familienalbum
48
Impressum Familienchronik
Redaktion, Text und Layout: Bruno Reble
Kirchfeldstr.87, D - 40215 Düsseldorf
Stand: NOV 2013 (2.Auflage) Mail: bruno@reble.net
Fotos: Alle nicht namentlich gekennzeichneten Fotos
stammen aus dem Archiv des Verfassers.
Edition im Eigenverlag ohne ISBN-NR, Registrierung als
Netzpublikation bei Deutsche Nationalbibliothek;
download ebenda als PDF-Datei oder bei www.reble.net
2013: Auf dem Ochsenweg
49
Anhang
1. Methodische Hinweise
51
2. Die Herkunft unserer Namen
53
3. Vorfahren
55
4. Nachfahren
58
Erstausgabe: ,
Familien-Chronik von 1700 bis 2000 / Bruno Reble
Düsseldorf 2000 (vergriffen) ISBN 3-925790-50-0
Quellen
59
5.
3
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Wie alles angefangen hat
Nicht bei Adam und Eva soll diese
Chronik beginnen, sondern bei Adam
und Anna, geboren 1717 und 1720 in
Eutingen bei Pforzheim.
Viel ist es nicht, was wir über die
beiden wissen, im Gegensatz zu ande-
ren Personen im Zeitalter des Barock.
Zum Beispiel die Deutsche Kaise-
rin, Maria Theresia, die ebenfalls 1717
das Licht der Welt erblickt oder - fünf
Jahre zuvor - Friedrich II, König von
Preußen. Über sie zu berichten, wäre
kein Problem. Bis ins letzte Detail ist
ihr Schicksal von Chronisten festge-
halten.
Mit ihren „Heldentaten“,
ihren glanzvollen Festen und
ihrer höfischen Prachtentfal-
tung könnte man ganze Bib-
liotheken füllen.
Vom Schicksal der kleinen
Leute ist dagegen nur wenig
bekannt, obwohl sie es sind,
die durch ihre tägliche Arbeit
die Grundlagen legen für den
Reichtum der gekrönten Häupter.
Aus dem Personenregister
des Kirchenbuchs von Eutingen wissen
wir immerhin soviel:
Und Jahre später
schreibt Goethe
an Herder : „Das
arme Volk muß
immer den Sack
tragen und es ist
ihm ziemlich
einerlei, ob er ihm
auf der rechten
oder linken Seite
zu schwer wird.“
Johann Adam Reble,
geb. am 27 Sep. 1717 in Eutingen,
Beruf : Maurer,
Sohn von Jacob und Anna.
Verheiratet in erster Ehe 1744 mit
Anna Maria Elsässer, geb.1720 in
Eutingen,
[ 1756, 4 Kinder,
2 leben, darunter Sohn Johann
Reble, geboren 1745.
Verheiratet in zweiter Ehe 1756 mit
Anna Maria Büchel, 2 Kinder.
Schließlich um das Jahr 1763 der
lapidare Eintrag: Nach Jtland
Was verbirgt sich hinter dieser
Eintragung? Wieviel Not und Bedräng-
nis muss zusammenkommen, dass eine
vielköpfige Familie, der Vater bereits
über 45, ihrer Heimat den Rücken
kehrt, um im rauhen Norden eine neue
Existenz aufzubauen?
Beginnen wir unsere Spurensuche
bei den materiellen Grundlagen. Als
Beruf ist bei Adam Reble Maurer ange-
geben.
Tätigkeit als Tagelöhner ... wenn es
Arbeit gibt.
Aber kann eine Familie von gele-
gentlichen Jobs existieren, in einem
Dorf von 400 Seelen, dessen Wirtschaft
fast ausschließlich auf Landwirtschaft
beruht?
Oben:
Allegorie der Armut von A.van
der Venne, um 1600.
Ein von Hof und Haus vertrie-
bener Bauer ist hier das
Symbol für feudale Unter-
drückung und daraus resul-
tierender Armut.
Das
bedeutet
damals
eine
Quelle: Illustrierte
Alltagsgeschichte des
deutschen Volkes. S.15
links:
Auszug aus dem Kirchenbuch
von Eutingen
4
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Bevölkerungsentwicklung
von Eutingen / Baden
1277 ca. 100 Einwohner
1696 220 Einwohner
1780 517 Einwohner
1855 920 Einwohner
1900 2064 Einwohner
1950 5560 Einwohner
1976 6930 Einwohner
Eutingen an der Enz
liegt auf halber Strecke zwischen
Karlsruhe und Stuttgart.
Schließlich der siebenjährige Krieg
1756-1763 in den sämtliche europäi-
sche Großmächte verwickelt sind
(siehe : „Der machtpolitische Hinter-
grund der Kolonisationszeit“).
U
nd selbst in „Frie-
denszeiten“ ist das
Leben auf dem Lan-
de ein ständiger Überlebens-
kampf.
Denn Feudalismus be-
deutet: geistliche und welt-
liche Herren verfügen über
den Grund und Boden als das
wichtigste Produktionsmittel.
Hörige, leibeigene, teils auch
freie Bauern bewirtschaften
diesen Boden und müssen dafür Ab-
gaben leisten.
Von diesen Abgaben lebt die herr-
schende Klasse : die Fürsten, Grafen,
Freiherren und ihre Erfüllungsgehilfen,
die Juristen, Priester, Schreiber,
Steuereinnehmer, Spitzel und Waffen-
knechte.
Die beste Altersversorgung in der
damaligen Zeit ist eine reiche Kinder-
schar. Je mehr Kinder, umso mehr
billige Arbeitskräfte und umso größer
die Wahrscheinlichkeit, dass einige
durchkommen und später im Alter für
die Eltern aufkommen können.
Wenn aber zu viele durchkommen
und erwachsen werden, heißt es für die
jüngsten Kinder das Bündel schnüren
und in die Ferne schweifen, denn der
elterliche Hof gibt nicht genug her für
eine wachsende Gemeinschaft.
Die Ackererträge sind gering, der
Viehbestand ist klein. Man klagt über
Missernten, Viehsterben und Bettler-
plage, hohe Steuern und Abgaben,
sowie über Fuhrleistungen und Hof-
dienste
für
diverse
weltliche
und
kirchliche Herren.
Der enorme Bedarf an Holzkohle
für die Eisengewinnung hat zu einem
verantwortungslosen Raubbau geführt
und viele Wälder dahinschmelzen las-
sen.
Die strategische Lage ist günstig: in
nord-südlicher Richtung in der Nähe
einer Durchgangsstraße und in ost-
westlicher Richtung an einer freien
Reichsstraße; was damals jedoch eher
ein Fluch ist , denn ein Segen.
Denn Verkehrswege sind in erster
Linie Heerstraßen. Zwar hat man die
durch Mauern und Türme geschützte
Stadt Pforzheim vor Augen, aber die
leibeigenen Bauern der Umgebung
haben dort in Kriegszeiten kein Zu-
fluchtsrecht. Und so bieten oft nur die
umliegenden Wälder Schutz vor den
mordenden und plündernden Söldner-
truppen.
Die Leibeigenschaft liegt wie eine
Fessel über dem Land und hemmt fort-
schrittliches Denken und Eigeninitia-
tive.
Abgaben und Leistungen der
Bauern für die Feudalherren:
Zehnt 10 % der Ernte an die
Kirche
Gült 20-30 % der Ernte an den
Grundeigentümer
Besthaupt als Erbschaftssteuer
an den Leibherrn abzuführen: das
beste Stück Vieh beim Ableben des
Mannes und das beste Kleid beim
Ableben der Frau.
Fron regional unterschiedlich:
Ca. 2 Wochen zur Saatzeit und 2
Wochen zur Erntezeit muss der
Bauer mit eigenem Gerät auf den
Feldern des Feudalherrn arbeiten.
Die Schrecken
des Krieges
Am schlimmsten ergeht es den
Menschen während des 30jährigen
Kriegs (1618-1648), als die Bevölke-
rung Badens durch Krieg, Hunger und
Seuchen um 2/3 dezimiert wird.
Kaum haben die ausländischen
Truppen das Land verlassen, zieht im
Verlauf des Orlean’schen Krieges neues
Unheil heran. 1689 wird Eutingen, wie
auch die Nachbarstadt Pforzheim, von
französischen Truppen angezündet und
niedergebrannt.
In den Jahren 1691/92 und 1695
wiederum französische Einquartierun-
gen, und auch im spanischen Erbfolge-
krieg (1701-1714), wobei 1707 das
Kirchenbuch verbrannt wird.
Im polnischen Erbfolgekrieg (1733-
1738) wird Baden von französischen,
russischen und österreichischen
Truppen überschwemmt, deren Unter-
halt das Land ausblutet und auch der
österreichische Erbfolgekrieg (1740-
1748) bringt größere Truppeneinquar-
tierungen mit sich.
Hauptstraße - Alte Ansicht.
Quelle: 125 Jahre Gesangverein EINTRACHT Eutingen
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