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Lage in polnischen Hochwassergebieten spitzt sich zu

 

Die Lage in Polens Hochwassergebieten spitzt sich zu. Für die Hauptstadt Warschau wurde erneut Alarm ausgerufen, da eine zweite Hochwasserwelle der Weichsel erwartet wurde.

 

Die Bewohner der an den Fluss grenzenden Viertel wurden aufgerufen, sich für eine Evakuierung bereitzuhalten. Im Süden und Südosten Polens wurden zehntausende Menschen in Sicherheit gebracht. "Die Feuerwehrleute habe insgesamt rund 30.000 Menschen in Sicherheit gebracht, Polizei und Armee nahmen weitere Evakuierungen vor", sagte Feuerwehrsprecher Pawel Fratczak. Die Zahl der Todesopfer sei auf 22 angestiegen.

 

Am schwierigsten sei die Lage im Süden und Südosten Polens, sagte der Feuerwehrsprecher. An vielen Orten entlang der Weichsel seien Deiche gebrochen, das Hochwasser in den bereits überschwemmten Ufergebieten sei weiter angestiegen. Mehrere Straßen waren durch Erdrutsche verschüttet. Rund 17.000 Feuerwehrleute und 3000 Soldaten waren in den Hochwassergebieten im Einsatz. Der Einsatz konzentrierte sich auf die 25.000-Einwohner-Stadt Sandomierz (Sandomir), die bereits durch das Weichsel-Hochwasser vor zwei Wochen schwer beschädigt worden war. Am Samstagabend war dort erneut ein Deich gebrochen.

 

Kritisch war die Lage auch im Nordosten Ungarns. Nach wochenlangem Dauerregen waren dort die Flüsse Hernad, Sajo und Boldva über ihre Ufer getreten. Rund 2300 Anwohner wurden in Sicherheit gebracht, wie ein Sprecher der Rettungskräfte sagte. Mehr als 12.000 Polizisten, Soldaten und Feuerwehrleute waren im Einsatz. In der ungarischen Hauptstadt Budapest wurden die Ufer der Donau wegen Hochwassers für den Verkehr gesperrt.

 

© AFP

 

Vor dem Hochwasser: Leben mit der Angst

 

Slubice/Frankfurt (Oder) (dpa) - In Frankfurt an der Oder und in der polnischen Nachbarstadt Slubice steigt das Wasser und wächst die Angst. Die Bewohner hoffen, dass es nicht so schlimm wird. Man will nicht wieder wie "Venedig" werden.

 

Das Wasser drückt, doch die Geschäfte laufen. Nur ein schmaler Grünstreifen und eine Straße trennen den großen Basar in Slubice, der polnischen Nachbarstadt von Frankfurt, vom Oderdeich. Im Fluss schwillt das Wasser unaufhörlich an, hinter den mit Sandsäcken gesicherten Verkaufsständen drückt sichtbar das Grundwasser nach oben. Doch die hauptsächlich deutschen Kunden berührt das nicht. "Wat kostet die Stange?", fragt ein Kunde aus Berlin den Zigarettenhändler Wojtek Graczyk. Der versucht, schnell noch ein Geschäft zu machen: "Neunzehn Euro! Nu gut, achtzehnfunfzisch."

 

Seit Bekanntwerden des drohenden Hochwassers habe der Kundenstrom etwas nachgelassen, erklärt Graczyk. Doch viele Händler wie er harren noch aus. Natürlich habe er Angst vor dem Wasser, "wie alle hier", sagt er. Seinen Stand wollte er aber erst am Mittwochabend räumen.

 

Slubice liegt etwa zwei Meter niedriger als das gut 250 Meter entfernte Frankfurt am anderen Ufer der Oder. Bürgermeister Ryszard Bodziacki appellierte bereits am Dienstag an die rund 17 000 Einwohner, Slubice zum Wochenende zu verlassen. Ansteigendes Grundwasser drücke die Kanalisation nach oben, befürchtete er. Das Krankenhaus wurde am Mittwoch geräumt. Schulen und Kindergärten werden Ende der Woche geschlossen. Noch gebe es keine Anzeichen für eine Tragödie. "Man kann die Gefahr nicht wirklich einschätzen", sagt der Bürgermeister.

 

"Wir kaufen Konserven und Wasser und bleiben in der Stadt", berichtet die Slubicer Studentin Paulina Gospodarek. "Meine Freundin und ihr Sohn sind bereits zu Verwandten gefahren", sagt die 23- Jährige. Ihre Mutter, die auf dem Basar mit Süßigkeiten handle, habe die Ware bereits in Sicherheit gebracht. Auch sie habe Angst. "Aber ich hoffe, alles bleibt okay", sagt die Studentin.

 

Weniger optimistisch sind die Bewohner des Buschmühlenweges in Frankfurt. Die Straße hinter den bereits unter Wasser stehenden Oderwiesen war bereits 1997 wochenlang überflutet. "Ich bin weiß Gott nicht gläubig. Aber ich bete mehrmals täglich", sagt die Rentnerin Renate Ullrich, während sie mit ihren Freundinnen aus der Sportgruppe Sandsäcke füllt. Die Stelle, an der ihr Haus steht, sei eine der tiefsten.

 

Der Keller ist bereits ausgeräumt, Fenster abgedichtet und Gummihosen, wie sie Angler tragen, hängen bereit. "Die sind noch von vor 13 Jahren", erzählt Ullrich. Damals seien sie nur noch über Stege und per Schlauchboot zu ihren Häusern gekommen. "Wir haben uns gefühlt wie in Venedig."

 

Strom, Wasser und Toilettenbenutzung - daran sei in den ersten Tagen des wochenlangen Hochwassers kaum zu denken gewesen. Später gab es immerhin Dixi-Toiletten und Notstromleitungen. Auch wenn die Anwohner diesmal rechtzeitig gewarnt worden seien, Sandsäcke zur Verfügung stünden und die Gefahr als geringer eingeschätzt wird: die Angst bleibt. "Das lange Warten ist einfach so schrecklich", sagt die Rentnerin, die schon jetzt schlaflose Nächte hat. Ans Wegziehen habe sie dennoch nie gedacht. "Wohin denn auch?"

 

Weichsel überflutet Land bei Warschau

 

Warschau (dpa) - Das Hochwasser in Polen ist besonders an der Weichsel schlimmer als erwartet. Dort und auch an der Oder kämpften Tausende von Menschen am Montag gegen die Flut. Sie versuchten, gebrochene Dämme wieder zu schließen und die Wassermassen von ihren Häusern fernzuhalten.

 

Nach Angaben der Behörden starben in Polen bisher mindestens 15 Menschen durch die Flut. Brandenburg blieb über Pfingsten von den anrollenden Fluten der Oder noch weitgehend verschont: Für den Oberlauf des Flusses war am Montag die niedrigste Alarmstufe 1 ausgerufen.

 

Voraussichtlich am Mittwoch werden in Ratzdorf und Eisenhüttenstadt die Richtwerte der Alarmstufe 2 erreicht. Der Hochwasserscheitel soll gegen Ende der Woche in Brandenburg ankommen. Es wird damit gerechnet, dass sich die Wasserstände dann für einige Tage oberhalb der Richtwerte der zweithöchsten Alarmstufe 3 einpendeln.

 

In Polen dagegen waren Dutzende von Ortschaften überflutet. Die Hochwasserlage an der Weichsel nordwestlich der Hauptstadt Warschau verschärfte sich am Montag weiter. Die Behörden appellierten, gefährdete Häuser rechtzeitig zu verlassen. Am linken Ufer der Weichsel bei Plock nordwestlich von Warschau wurden am Pfingstwochenende mehr als 20 Orte und viele Tausend Hektar Land überflutet. Rund 2000 Feuerwehrleute, Soldaten und zivile Helfer versuchten, einen Riss im Deich wieder abzudichten.

 

Dutzende Tonnen Schutt, aus der Luft abgeworfen, konnten die Wassermassen zunächst nicht stoppen. Tausende Menschen und Tiere mussten deshalb in Sicherheit gebracht werden. Um weitere Orte zu schützen, sprengte die Feuerwehr an einigen Stellen die Deiche, teilte ein Sprecher des Krisenstabes mit. Die Weichsel soll so dazu gebracht werden, in ihr Flussbett zurückzukehren. Die Situation an der Weichsel sei schlimmer als erwartet, sagte Innenminister Jerzy Miller.

 

Auch südlich von Warschau blieb die Lage an dem Fluss stellenweise dramatisch. Die Gemeinde Wilkow stand von Samstag an zu 90 Prozent unter Wasser. Wie auch nahe Plock wollten viele Menschen aus Angst vor Einbrüchen ihre Häuser aber nicht verlassen.

 

Unter Wasser standen auch Teile des Breslauer Stadtteils Kozanow. Mehrere zehnstöckige Wohnblocks und Einfamilienhäuser waren dort am Samstag nach Deichbrüchen bis zu zwei Meter hoch überflutet worden. Nun sei die Lage unter Kontrolle, sagte ein Feuerwehrsprecher am Montag.

 

Das Hochwasser in Kozanow löste eine heftige Debatte aus: Die Fläche des Stadtteils war lange als Polder genutzt worden. Erst in den 1970er Jahren wurde sie bebaut. Kozanow hatte bereits während der Flut 1997 schwer zu leiden - trotzdem wurden dort anschließend weitere Hochhäuser gebaut.

 

In Polens Hauptstadt selbst sank am zweiten Tag in Folge der Wasserstand. Allerdings bestand weiter die Gefahr, dass die durchweichten Deiche nachgeben. 120 Schulen und Kindergärten blieben daher geschlossen, eine sonst vielbefahrene Straße am rechten Ufer gesperrt.

 

Nach Angaben des Hydrometeorologischen Instituts in Warschau (IMGW) bewegt sich der Hochwasserscheitel auf der Oder langsamer als erwartet. In Slubice an der deutsch-polnischen Grenze sei er erst am 28. Mai zwischen 22 und 24 Uhr zu erwarten, hieß es.

 

Im Süden Polens begann unterdessen das große Aufräumen. Die Schäden könnten nach offiziellen Schätzungen mehr als zehn Milliarden Zloty (rund 2,5 Milliarden Euro) betragen. Vielerorts kam es zu Erdrutschen, etliche Häuser, etwa in Lanckorona südlich von Krakau, sind einsturzgefährdet. Über Bierun in Schlesien hänge der Gestank verwesender Tiere, schrieb die Zeitung "Gazeta Wyborcza".

 

Nun schon 15 Tote durch Hochwasser in Polen

 

Die Gefahr durch das Rekordhochwasser in Polen hat sich dramatisch verstärkt. Ein Feuerwehrsprecher sprach gegenüber der Nachrichtenagentur AFP von den schlimmsten Überschwemmungen seit mehr als hundert Jahren, 15 Menschen kamen bislang ums Leben. In Brandenburg wurde für weite Abschnitte der Oder die erste von vier Alarmstufen ausgerufen.

 

Die Zahl der Todesopfer durch das alarmierende Hochwasser in den Flüssen Oder und Weichsel sei auf 15 gestiegen, sagte Feuerwehrsprecher Pawel Fratczak. Das Hochwasser habe ein Ausmaß, wie es "seit 1884 nicht mehr beobachtet" worden sei. Vor allem die Dauer der Überschwemmungen bereitet den Behörden Sorge. Das Hochwasser der Weichsel halte bereits sechs Tage an, sagte Innenminister Jerzy Miller. In den betroffenen Orten wachse deshalb die Gefahr, dass die von den Fluten durchtränkten Dämme brechen könnten.

 

Auch die polnische Hauptstadt Warschau ist nach wie vor von dem Hochwasser betroffen. Inzwischen wurde eine Uferstraße an der Weichsel gesperrt; rund 200 Schulen blieben geschlossen.

 

In Deutschland wurde für weite Abschnitte der Oder in Brandenburg vom Landesumweltamt die erste von vier Alarmstufen ausgerufen. Gegen Mittag sei der Pegel am Ort des Oderübertritts von Polen nach Deutschland in Ratzdorf sechs Zentimeter über dem Richtwert gemessen worden, sagte ein Sprecher des Hochwassermeldezentrums in Frankfurt/Oder. Auch bei Eisenhüttenstadt wurde der Grenzwert am Mittag überschritten.

 

Im Nationalpark Unteres Odertal einige Kilometer südlich von Schwedt war bereits vor einigen Tagen Alarmstufe I ausgerufen worden. Dort lag der Pegel am Montag 24 Zentimeter über dem Grenzwert. Die Wehre zu den Polderflächen blieben wegen der insgesamt unbedenklichen Hochwasserlage zwar zunächst noch geschlossen, wurden aber zur Öffnung vorbereitet. Die Alarmstufe I gilt damit inzwischen auf insgesamt 63 Kilometer Oderlauf und auf einem fünf Kilometer langen Lausitzer Neiße-Abschnitt. In Ratzdorf und Eisenhüttenstadt kletterte der Wasserpegel auf etwas über 4,70 Meter.

 

Ab Mittwoch dürfte der Pegel in Ratzdorf und Eisenhüttenstadt nach Prognosen des Hochwassermeldezentrums Alarmstufe II erreichen. Mit dem Scheitelpunkt des Hochwassers wird ab Freitag gerechnet.

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